Interviews

Chief Data Officer: Treiber der digitalen Transformation

Neue digitale Geschäftsmodelle und Prozesse bedeuten neue Umsatzquellen und disruptive Wettbewerbsvorteile.

Dr. Wolfgang Martin, international anerkannter, unabhängiger Analyst

Dr. Wolfgang Martin

Kurzbiografie:
Dr. Wolfgang Martin ist international anerkannter, unabhängiger Analyst und Experte auf den Gebieten Information Management und Governance sowie Business Intelligence/Performance Management. Sein Spezialgebiet sind die Wechselwirkungen technologischer Innovation auf das Business und damit auf die Organisation, die Unternehmenskultur, die Business-Architekturen und die Geschäftsprozesse

Neue digitale Geschäftsmodelle und Prozesse bedeuten neue Umsatzquellen und disruptive Wettbewerbsvorteile. Das Produktportfolio wird durch digitale Produkte ergänzt, und Information wird als strategischer Vorteil genutzt. Mit anderen Worten: Das Unternehmen erfindet sich neu. Die zweite wesentliche Eigenschaft eines digitalen Unternehmens ist: Es beherrscht die digitale Kommunikation und zeichnet sich durch Industrialisierung, Agilität, regelkonformes und smartes Verhalten aus.

Herr Dr. Martin, Unternehmen stehen derzeit vor der großen Herausforderung, sich völlig neu zu erfinden. Gibt es ein Rezept für eine erfolgreiche digitale Transformation?

Denkt man an digitale Unternehmen, dann denkt man sofort an Amazon, Apple, Google, Facebook und Co. Deren Vorteil war es sicherlich, dass sie bereits weitgehend als digitale Unternehmen entstanden sind. Sie haben also nie eine digitale Transformation durchgemacht. Daher lässt sich von diesen Unternehmen nicht unbedingt lernen, wie die Roadmap einer digitalen Transformation aussehen könnte oder sollte. Wirkliche Vorbilder in Sachen digitaler Transformation gibt es bis dato kaum. Daher müssen traditionelle Unternehmen anders vorgehen.

Ihr Vortrag gibt bereits einen Hinweis darauf, wie traditionelle Unternehmen im ersten Schritt vorgehen sollten. Der Vortrag trägt den Titel „Rolle des Chief Data Officers: Treiber der digitalen Transformation“. Worum wird es in Ihrem Vortrag konkret gehen?

In meinem Vortrag beleuchte ich genau die zwei zentralen Fragestellungen, die Unternehmen gerade beschäftigt: Erstens was ist überhaupt ein digitales Unternehmen und zweitens wie kann ich mich transformieren? Denn digital transformieren, heißt eigentlich nichts Anderes, als zum datengesteuerten Unternehmen zu werden: von der Entscheidungsfindung bis zur Umsetzung in digitalen Produkten und Dienstleistungen sowie digitalen Prozessen. Das A und O ist es, sich Daten zu nutze zu machen, sie sind sozusagen der Startpunkt zur digitalen Transformation. Mit anderen Worten: Eine digitale Transformation beginnt beim Information Management.

Und wie ist es um das Information Management in deutschen Unternehmen bestellt?

Die Situation in deutschen Unternehmen gestaltet sich heute noch so, dass jede Abteilung, zum Beispiel Controlling oder Marketing, selbst für seine Daten verantwortlich ist. Es gibt also viele Verantwortliche, aber keiner ist wirklich für alle Daten verantwortlich. Daraus entstehen dann inkonsistente Daten und Datensilos. Wenn man also eine digitale Transformation einleiten will, dann muss hier als erstes aufgeräumt werden. Der erste Schritt hierzu ist die Etablierung eines Chief Data Officers (CDO). Er muss unter anderem die Gesamtverantwortung für sämtliche Daten im Unternehmen übernehmen und diese zum zentralen Steuerungsinstrument für das Unternehmen machen – und zwar auf Vorstandsebene.

Vor welchen Herausforderungen stehen deutsche Unternehmen noch, wenn es um die digitale Transformation geht?

Der Wandel ist derzeit eine riesige Herausforderung für alle Unternehmen, aber natürlich muss man unterscheiden zwischen Startups und traditionellen, also langjährig am Markt bestehende, Firmen. Startups haben es deutlich einfacher, weil sie meist schon als digitale Unternehmen geboren werden und datengesteuert sind. Sie haben also eine entsprechende Datenkultur inne und brauchen daher keinen CDO. Startups sind sprichwörtlich das Äquivalent zum Digital Native.

Traditionelle Unternehmen hingegen benötigen den CDO dringend, weil sie erst noch transformieren müssen. Die gute Nachricht ist jedoch, dass die Technologie zur digitalen Transformation oft schon vorhanden ist und Endkunden auch bereits digital unterwegs sind. Prozesse End-to-End zu digitalisieren, ist also meist nicht das Problem. Aus meiner Sicht besteht der wesentliche Punkt darin, einen politischen oder kulturellen Wandel im Unternehmen herbeizuführen. Denn wenn der Vorstand den Wandel nicht will, findet dieser auch niemals statt. Oft gibt es auch viele Bedenkenträger unter den Mitarbeitern, die Angst haben vor Jobverlust oder neuen Aufgaben. Und genau hier setzt die Rolle des CDOs an, er muss die Position des Change Managers einnehmen.

Was ist der Unterschied zwischen einem Chief Digital Officer und dem Chief Data Officer?


Aus meiner Sicht gibt es keinen Unterschied, das ist ein und dieselbe Rolle. Eine erfolgreiche digitale Transformation geht nur über die smarte und kreative Nutzung von Daten. Der Chief Digital Officer muss daher auch Chief Data Officer sein, und umgekehrt. Denn beide Aufgaben gehen Hand in Hand.

Laut einer Untersuchung des Analystenhauses Gartner gab es die Position des Chief Data Officers vergangenes Jahr gerade mal in 1.000 Unternehmen weltweit. Wie beurteilen Sie die Lage in deutschen Unternehmen?

Die Zahl ist meiner Meinung nach viel zu niedrig angesetzt. Für viele deutsche Unternehmen ist es zwar schon fünf nach zwölf, wenn es um die digitale Transformation geht, aber die meisten sehen zum Glück den dringenden Handlungsbedarf. Daher wird in vielen Unternehmen die Position des CDOs auch händeringend gesucht.  

Welche Hauptaufgaben hat der Chief Data Officer neben seiner Rolle als Change Manager?

Der CDO hat die Verantwortung, die digitale Transformation durch die Digitalisierung von Information Management einzuleiten und zu treiben. Das bedeutet insbesondere, Daten zu erfassen, zu managen, zu schützen und zu Geld zu machen. Er entwickelt und verantwortet Vision und Strategie des Daten-Managements im Unternehmen. Dabei etabliert er unter anderem Datenmetriken und managt die Datenqualität. Hierzu gehören auch das Stammdaten-Management, Metadaten-Management und Daten-Modellierung. Außerdem etabliert er Big-Data-Management und verantwortet die 360Grad-Kundensicht.

Zusammengefasst ist der Chief Data Officer der eigentliche Wandler des Unternehmens. Und er hat seine Aufgabe dann hervorragend gemeistert, wenn er seine Rolle im digitalisierten Unternehmen abschaffen kann. Aber das gute ist: Der CDO ist nach erfolgreicher Transformation nicht unbedingt seinen Job los. Es zeigt sich, dass Unternehmen den CDO oft zum CEO machen – so wie zum Beispiel Jeff Bezos von Amazon.

Vielen Dank für das Gespräch – Wir freuen uns auf Ihren Vortrag!